Weitergedacht #1 - Mittelschule 2030
- von Heike Arnold
Worum es in diesem Essay geht
In diesem Text geht es um die Arbeitsbelastung von Lehrkräften an Mittelschulen, um strukturelle Ursachen und um die Frage, wie Schule zukunftsfähig organisiert werden kann.
Der Essay fasst einen Befund zusammen und öffnet den Blick für mögliche Perspektiven – unter anderem mit der Vision einer Mittelschule 2030 und dem Gedanken, Erfahrung und Engagement aus der Gesellschaft stärker einzubinden.
|| Der Text versteht sich nicht als Forderung, sondern als Einladung zum Weiterdenken.
Anlass
In den vergangenen Wochen bin ich immer wieder auf Berichte gestoßen, die eine zunehmende Belastung an Grund- und Mittelschulen beschreiben. Lehrkräfte berichten von hoher Arbeitsdichte, wachsender Verantwortung und dem Gefühl, immer mehr Aufgaben gleichzeitig schultern zu müssen.
Mich hat das nicht losgelassen – weniger aus politischem Interesse, sondern aus einer grundsätzlichen Frage heraus:
Wie gelingt Schule unter diesen Bedingungen überhaupt noch?
Und was braucht es, damit engagierte Lehrkräfte dort auch in Zukunft gerne arbeiten?
Der Befund
Ein Blick auf Zahlen, Befragungen und Gespräche zeigt ein relativ klares Bild:
Gerade an Mittelschulen treffen mehrere Belastungsfaktoren zusammen.
Lehrkräfte unterrichten dort häufig mehr Stunden als an anderen Schularten. Gleichzeitig ist der pädagogische Alltag besonders komplex: heterogene Lerngruppen, erhöhter Sprachförderbedarf, intensive Elternarbeit, Übergangsbegleitung in Ausbildung und Beruf.
Viele Aufgaben, die eigentlich sozialpädagogisch, beratend oder organisatorisch wären, landen im Schulalltag bei den Lehrkräften. Fehlendes Personal wird oft durch Mehrarbeit oder fachfremden Unterricht kompensiert. Entlastung ist selten spürbar – Belastung dagegen sehr konkret.
Einordnung
Dabei geht es nicht um Schuldfragen.
Weder Lehrkräfte noch Schulleitungen „machen etwas falsch“. Vieles ist strukturell gewachsen – und lange Zeit irgendwie aufgefangen worden.
Doch genau das scheint an Grenzen zu stoßen.
Wenn immer mehr Verantwortung auf wenigen Schultern lastet, wird Schule auf Dauer nicht stabiler, sondern fragiler. Das erklärt auch, warum gerade die Mittelschule für junge Lehrkräfte häufig nicht als attraktiver Arbeitsort wahrgenommen wird – trotz ihrer großen pädagogischen Bedeutung.
Attraktivität entsteht nicht durch Imagekampagnen,
sondern durch machbare Arbeitsbedingungen.
Perspektivwechsel
An diesem Punkt habe ich mich gefragt, ob wir zu oft nur innerhalb des bestehenden Systems nach Lösungen suchen.
Was wäre, wenn Entlastung nicht ausschließlich durch „mehr vom Gleichen“ entsteht – mehr Stunden, mehr Programme, mehr Verwaltung – sondern durch andere Formen von Zusammenarbeit?
Was wäre, wenn Schule sich stärker als gemeinschaftliche Aufgabe versteht?
Vision: Mittelschule 2030
Die Vision „Mittelschule 2030“ denkt Schule als Ort, an dem Verantwortung geteilt wird.
Lehrkräfte konzentrieren sich wieder stärker auf Unterricht und pädagogische Begleitung.
Verwaltung, Schulsozialarbeit, psychologische Unterstützung und IT-Betreuung sind verlässlich organisiert. Unterricht öffnet sich stärker für Projekte, Praxis und Kooperationen mit Vereinen, Betrieben und externen Fachkräften.
Attraktivität entsteht hier nicht durch zusätzliche Anforderungen, sondern durch Zeit, Teamarbeit und Unterstützung.
Eine ergänzende Idee: Senioren an Schulen
In diesem Zusammenhang entstand ein weiterer Gedanke:
Warum nicht stärker die Erfahrung nutzen, die in unserer Gesellschaft längst vorhanden ist?
Viele Seniorinnen und Senioren bringen Zeit, Gelassenheit und Lebenserfahrung mit. Als freiwillige Begleiterinnen und Begleiter im Schulalltag könnten sie zuhören, Präsenz zeigen, Orientierung geben – ohne Lehrkräfte zu ersetzen, sondern um sie zu entlasten.
Gerade im sozialen Alltag von Schulen wäre das ein Gewinn für alle Seiten:
für Lehrkräfte, für Schülerinnen und Schüler – und für die Senior:innen selbst.
Lokale Perspektive
Besonders in ländlichen Regionen gibt es starke Gemeinschaften, kurze Wege und Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen. Vielleicht liegt hier ein Schlüssel: nicht auf große Reformen zu warten, sondern vor Ort anzufangen – klein, freiwillig, gut begleitet.
Eine Schule.
Ein Projekt.
Ein erster Schritt.
Einladung
Diese Gedanken sind kein fertiges Konzept.
Sie sind ein Befund – und eine Einladung.
Mich interessiert, wie Menschen aus der Praxis das sehen:
Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern, Seniorinnen und Senioren.
Vielleicht entsteht aus dem Gespräch etwas Neues.
Und vielleicht beginnt Entlastung genau dort:
im gemeinsamen Weiterdenken.
Tags: Bildung · Mittelschule · Lehrkräfte · Visionen · Weitergedacht
Wichtige Quellen & Bezugspunkte
1. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
-
Bayerns Schulen in Zahlen (jährliche Schulstatistik)
→ Lehrer- und Schülerzahlen, Schularten, Entwicklungen -
Veröffentlichungen zu Multiprofessionalität und Entlastungsmaßnahmen (z. B. zusätzliche Verwaltungs- und Unterstützungskräfte)
2. BR24 (Bayerischer Rundfunk)
- Berichterstattung zur Personalsituation an Grund- und Mittelschulen
- Interviews mit Lehrkräften, Schulleitungen und Verbänden
→ wichtige journalistische Verdichtung der Problemlage
3. Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV)
- Befragungen zur Arbeitsbelastung an Mittelschulen
- Stellungnahmen zu Deputaten, Personalmangel, Vertretungssituationen
→ zentrale Quelle für Praxisperspektiven
4. GEW Bayern
-
Studien und Positionspapiere zu Arbeitszeit, Belastung und Attraktivität des Lehrerberufs
5. Allgemeine bildungswissenschaftliche Diskussion
- Multiprofessionelle Teams
- Öffnung von Schule
- Einbindung externer Akteure (Praxis, Ehrenamt)
Die Vision „Senioren an Schulen“ knüpft bewusst an bestehende Modelle von Lesepaten, Mentorenprogrammen und Ehrenamtsstrukturen an, ohne diese zu verengen.