Interviews


Thema: Nahtod-Erfahrungen

Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits

Interview mit Prof. Niemz, Physiker und Autor der Bücher "Lucy mit c" und "Lucy im Licht" am 26.07.07

von Heike Arnold, für P.M.-Magazin

P.M.: Herr Professor Niemz – in Ihren beiden Büchern geht es um Physik und Theologie. Ist Lucy’s Hypothese als eine Art „Bibelübersetzung“ zu verstehen?

 

Prof. Niemz: In erster Linie sind es Wissenschaftsromane, in denen eine Verbindung zwischen physikalischen Zuständen (Realitäten) und Erlebnissen hergestellt wird, die Nahtoderfahrene gemacht haben. Die Verbindung zur Theologie entsteht aus der Übereinstimmung von Zuständen, die in der Physik und Theologie unterschiedliche Begrifflichkeiten haben.

 

P.M.: Sie benutzen für Ihre Hypothese den Begriff der „Seele“ – und setzen vom Leser voraus, dass er an deren Existenz „glaubt“. Ist das nicht --- Religion?

 

Prof. Niemz: Ich gebe dem Licht, um das es in meinen Büchern in der Hauptsache geht, den Namen „Seele“ – Sie können genauso gut von „Geist“, von „Bewusstsein“, von „Karma“ oder sonst was sprechen – das Licht verändert seine Eigenschaften deshalb nicht. Das Wesen des Lichts ist identisch mit dem, was Menschen weltweit – unabhängig von einer bestimmten Religion oder einem bestimmten Glauben – als Quelle dessen verstanden wird, was für die Schöpfung und Evolution verantwortlich ist.

 

P.M.: Sie sagen, ohne Ihren Glauben an Gott wären Sie nicht zu Ihrem ganzheitliche Wissen um das Licht gekommen. Sollten Ihrer Meinung nach deshalb mehr Naturwissenschaftler einen „Glauben“ entwickeln - und sich auch dazu bekennen?

 

Prof. Niemz: Die meisten der großen Physiker haben irgendwann von einer „höheren Ordnung“ gesprochen, die unergründlich ist, auch wenn sie dieser Erkenntnis nicht explizit einen Namen gaben, der für eine bestimmte Religion steht. Kein Mensch muss sich öffentlich zu einem Glauben bekennen – warum sollte diese Freiheit für Physiker keine Gültigkeit haben?

 

P.M.: Vielleicht deshalb, weil Viele davon ausgehen, dass ein „glaubender“ Naturwissenschaftler, gar kein Wissenschaftler sein kann und sich deshalb zwischen Glauben und Wissen entscheiden muss?

 

Prof. Niemz: Ich bin der Auffassung, dass ganzheitliches Denken nicht in der wissenschaftlichen Analyse gedeiht, sondern in der Synthese. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Wissenschaftler fest davon überzeugt, das gesamte Naturgeschehen als „im Prinzip berechenbar“ zu erklären. Ein Jahrhundert später sind wir trotz erweitertem Wissen noch immer nicht in der Lage, eine einzig wahre Antwort auf die Frage nach dem Anfang und dem Ende „der Schöpfung“ zu geben.

 

P.M.: Und um das scheinbar Unmögliche zu schaffen, greift Lucy nun ein wenig in die „Trickkiste“ und zaubert eine „Seele“ aus dem Hut, an die der Zweifler – will er mit ihr auf den rasanten Trip ins Jenseits gehen, erst einmal glauben muss.

 

Prof. Niemz: Wir Menschen können nun mal nicht anders, als in Raum und Zeit – und entsprechend in Welt-Bildern – zu denken. Wenn wir wirklich wissen wollen, ob unser irdisches Leben nur ein Lebensabschnitt ist, in dem Geist und Körper eine sich funktional ergänzende Einheit ergeben, müssen wir die „Seele“ – oder den Geist – als Axiom (Vorbedingung) voraussetzen und uns auf glaubwürdige Aussagen stützen, die von Menschen gemacht wurden, die real erlebt haben, wie die Trennung des Materiellen vom Immateriellen im Sterbeprozess vor sich geht.

 

P.M.: Lucy kommt zum Schluss, dass es von Vorteil für die „Seele“ ist, sich zu Lebzeiten nicht an Materielles zu klammern – weil keine Materie auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, ein direkter Übergang vom Diesseits ins Jenseits somit nicht möglich ist, solange noch eine Verbindung mit Materie besteht. Predigt Lucy da am Ende – fast missionarisch - den „Verzicht“ auf materiellen Besitz?

 

Prof. Niemz: Sich während des uns bewussten Lebens nicht an materielle Werte zu klammern heißt für mich keineswegs, auf all die schönen Dingen, die Freude bereiten, zu verzichten – schließlich entspringt Vieles, was ich an Materiellem täglich nutze, einem genialen, schaffenden Geist. Selbstverständlich konsumiere ich – und selbstverständlich ist mir der Genuss von Dingen nicht fremd, die ich nicht wirklich zum Leben bräuchte. Das Materielle soll nach meinem persönlichen Weltbild jedoch nicht zur Belastung für mich werden, weil ich nach Freiheit und Unabhängigkeit strebe. Ich „hänge“ nicht an Haus, Auto oder anderem materiellem „Vermögen“.

 

P.M.: Loslassen von allem Materiellen ist also die erste Übung, die erledigt werden muss, bevor es mit Lichtgeschwindigkeit auf die Reise ins Jenseits gehen kann?

 

Prof. Niemz: Wenn ich von den Nahtoderfahrungen ausgehe, der Wahrnehmung eines langen dunklen Tunnels und einer sichtbaren Grenze, die nicht überschritten werden darf, kann ich diese Grenzerfahrung als Option interpretieren, die „Seele“ noch zu Lebzeiten bewusst von allem zu befreien, was ihr einen direkten Übergang ins Jenseits erschwert.

 

P.M.: Man könnte also – nach dem biblischen Gleichnis – davon sprechen, dass Menschen, die ein „Tunnel-Erlebnis“ hatten, im Leben „blind“ waren – ihnen nicht bewusst wurde, was ihnen wirklich wichtig ist?

 

Prof. Niemz: Das ist zumindest das, was aus vielen Berichten über Nahtoderfahrungen hervorgeht – ich selbst habe ja keine solche gemacht und ich sehne mich auch nicht danach, auf diese Art zu „Wissen“ zu kommen.

 

P.M.: Aus rein medizinischer Sicht dürften Menschen im Zustand tiefer Bewusstlosigkeit gar nichts „sehen“ – und doch werden Wahrnehmungen von Nahtoderfahrenen exakt beschrieben.

 

Prof. Niemz: Für mich als Physiker ist das „Sehen können“ ohne Bewusstsein ein Indiz dafür, dass wir im irdischen Leben nur einen Teil der Realität(en) wahrnehmen können. Unsere „Impuls-getakteten“ Gehirnfunktionen hindern uns im „wachen“ Zustand daran, alle unsere Wahrnehmungen zeitgleich in Bilder und Wissen zu übersetzen. Wir könnten im EEG den Prozess des Denkens nicht messen, wenn es nicht eine, wenn auch winzige zeitliche Verzögerung zwischen Sinneseindruck und Interpretation des Eindrucks – dem Lernen - verginge. Einzig im Zustand der völligen Bewusstlosigkeit – wenn also Wahrnehmungen nicht mehr „zeitlich und räumlich geordnet“ einen Zusammenhang produzieren, kann es diesen Zustand der Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit zu geben.

 

P.M.: Könnte es – rein theoretisch – auch eine andere Seele sein, die einer Seele im Körper eines Sterbenden den „Befehl“ gibt, die Reise ins Jenseits noch nicht anzutreten?

 

Prof. Niemz: Grundsätzlich: Alles ist möglich, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Ich persönlich gehe nicht davon aus, dass es „Fremdbestimmung“ des eigenen Willen durch einen externen „Geist“ gibt – manche Menschen wehren sich schlicht gegen den Gedanken, ganz alleine für ihre Entscheidungen verantwortlich zu sein und werden damit – wenn auch nicht im psychiatrischen Sinn – zu zwei Identitäten in ein und demselben Körper.

 

P.M.: Albert Einstein nannte das, was er sich nicht erklären konnte, nämlich dass ein Lichtteilchen (Photon) über eine räumliche Distanz hinweg „wissen“ kann, wie sich ein anderes Teilchen bei einer Messung verhalten wird, eine „spukhafte Erscheinung“. Warum wollte er von der Quantenphysik nichts wissen?

 

Prof. Niemz: Die Eigenschaft des Lichts ist mit Raum und Zeit – den zwei Phänomenen, mit denen sich Einstein überwiegend beschäftigt hat – nicht in Einklang zu bringen. Einstein, dem es gelungen war, mit seiner berühmten Formel E = mc2 Zeit und Raum als relative Bezugsgrößen zu „enttarnen“, wollte oder konnte wohl nicht daran „glauben“, dass das Licht die einzig absolute Naturkonstante ist, weil es sich unabhängig von der Bewegtheit von Objekten mit einer immer gleichen Geschwindigkeit von exakt 299792458 m/s messen lässt. In quantenphysikalischen Experimenten konnte nachgewiesen werden, dass ein Photon (Lichtteilchen) während einer Messung seines Verhaltens „weiß“, wie sich ein anderes Photon während der Messung verhalten wird, weil es sich um „zwei miteinander verschränkte Objekte“ mit gleicher Identität handelt, für die Raum und Zeit bei ihrer Bewegung mit Lichtgeschwindigkeit keine Rolle spielen. Heisenberg nannte dieses Phänomen „Unschärferelation“, denn während dem Versuch, einen „Quant“ zu „fassen“, also zu beobachten, verändert sich dieser durch die Beobachtung – und hier stößt das Denk- und Vorstellungsvermögen, das an Raum und Zeit gekoppelt ist, an seine natürlichen Grenzen. Ab da müssen Menschen sich damit abfinden, sich nicht alles erklären zu können – sie müssen „glauben“.

 

P.M.: Was denken Sie? Hat Einstein im Licht dasselbe entdeckt wie Sie und wollte nur nicht öffentlich zugeben, dass das – allgegenwärtige und zeitlose – Licht dem Wesen nach dem entspricht, was wir Menschen „göttlich“ nennen?

 

Prof. Niemz: Das werde ich wissen, wenn ich ihm im gemeinsamen Wissen begegne.

 

HA: An eine solche Begegnung glauben Sie wirklich?

 

Prof. Niemz: Versuchen Sie, sich vorzustellen, dass Sie – bzw. Ihr „Geist“ lediglich ein Aspekt ein und derselben Ganzheit ist – ein und derselben Identität, die nur vorübergehend, für die Dauer des körperlichen Lebens, räumlich und zeitlich „lokalisiert“ ist. Mein Wissen bringt mich zum Glauben, dass wir in dem Moment, in dem wir unsere gewohnte Ordnung „Raum und Zeit“ verlieren, wieder zu einem Großen und Ganzen werden – zu Licht, denn nur das Licht hat die Eigenschaft, omnipräsent und ewig zu sein, nur das Licht ist nicht lokal und absolut.

 

P.M.: Lucy will, das betont sie immer wieder, keine neuen Debatten im Sinne von „mein Gott – dein Gott“ entzünden, sondern Menschen weltweit im Gedanken an die zeitlose und allumfassende Liebe, in der sich alles Wissen verbindet, miteinander versöhnen.

 

Prof. Niemz: Lucy lässt Nahtoderfahrene zu Wort kommen, die einen wichtigen Beitrag für die Versöhnung von Theorien und Ideologien leisten. Denn Menschen, die dem Tod ganz nah waren, gelingt es, Menschen anderer Herkunft und Kultur vorbehaltlos zu begegnen – was sie verbindet ist das, was sie unabhängig von Alter, Herkunft, Religion oder anderen Fakten erlebt haben. Eine stärkere Verbindung als das Licht scheint es zwischen Menschen nicht zu geben. Ein Licht, von dem gesagt wird, dass von ihm Liebe und Wissen ausgeht. Wissen darüber, dass es kein Ende eines Lebens gibt, sondern das Leben in einem anderen Zustand – in einer immateriellen Welt – fortgesetzt wird.

   Wer es schafft, die bewussten Grenzen des Denkens zu überwinden, die an Zeit und Raum gekoppelt sind, entdeckt in allem was atmet – und stoffwechselt – eine Seele. In unserem Garten sind nach dem Tod meiner Schwiegereltern zwei kleine Blümchen gewachsen. Warum sollte ich mich dem Gedanken verweigern, dass es sich nun in ihnen die Seelen der Verstorbenen befinden? Meinen beiden kleinen Kindern fällt diese Vorstellung leicht – und Kindern beim Lernen zu beobachten und von ihnen zu lernen, ist für mich das Wertvollste überhaupt.


Thema: Tsunami-Hilfe 2004 in Sri Lanka

Tsunami in Südostasien

"Die Not der Menschen im Norden und Osten Sri Lankas wird weitgehend ignoriert"

Heike Arnold im Gespräch mit einem Singhalesen in Sri Lanka - ein vom Kastenwesen gepaltenes Land (12.01.2005)

 

Anthony S., 44, begann in den 70er Jahren ein Studium in Deutschland. Als ihn seine Eltern einige Zeit später dringend in ihrem Geschäft brauchten, brach er sein Studium ab und kehrte ohne abgeschlossene Ausbildung in sein Land zurück. Er lebt im Süden des Landes in der Nähe der Stadt Galle und ist Angehöriger der Volksgruppe der Singhalesen, die 81,9% der Bevölkerung Sri Lankas stellen. Über zwanzig Jahre hinweg standen die Singhalesen mit der Minderheit der Bevölkerung, den Tamilen (ca. 9,5%), die im Nordosten der Insel leben, in einem blutigen Bürgerkrieg, der mehr als 60.000 Todesopfer mit sich brachte.

Anthony S. verfügt über eine gute Bildung. Er beherrscht drei Sprachen in Wort und Schrift. Weil er jedoch keinen beruflichen Abschluss oder akademischen Grad nachweisen kann, gehört er einer der unteren Kasten an - ebenso wie die vielen Waisenkinder im Land.

Was das im Zusammenhang mit der weltweiten Hilfe bedeutet, die das Land seit der Flutkatastrophe am 26.12.2004 erfährt, schildert Anthony S. (Name von der Redaktion geändert) in einem Telefoninterview, veröffentlicht bei telepolis / heise online